Wenn ich gewusst hätte, was die polnischen Wahlen in Berlin für ein Spektakel sind, hätte ich eine Kamera mitgenommen. Eine kleine Vorahnung hatte ich schon, als wir losfuhren, aber sie wurde weit übertroffen, denn schon beim Aussteigen am S-Bahnhof Grunewald, wo die polnische Botschaft ist, hörten wir nur noch eine Sprache: Polnisch. Alle wollten wählen. Toll.
Und dann haben Arek und ich mehr als 2 Stunden in einer Warteschlange zwischen all diesen prachtvollen Häusern (es gibt da eigentlich nur zwei Kategorien, entweder die fantastischsten Gründerzeitpaläste oder schreckliche 60er-Jahre Bungalows) verbracht. Die Schlange vor dem Wahllokal sprich der polnischen Botschaft war ungefähr 4 Villen lang – und im Grunewald sind die Villen groß, sehr groß. Es wäre der perfekte Ort für Stereo Cultura gewesen. Nicht nur das es einen Haufen Polen gab, nein, es gab polnische Frauen en masse: alt und jung, normal und aufgebrezelt, Oberschicht und Unterschicht, schön und hässlich. Es wäre das reinste Paradies für Interviews gewesen, da sich ja alle gelangweilt haben und uns bestimmt gerne ihre Zeit für ein Interview gegeben hätten um uns fragen zu beantworten. Auf jeden Fall bin ich wieder einmal mehr überzeugt, dass der Film das richtige Thema hat. Bei meinen letzten Besuchen in Polen, kamen mir Zweifel, ob denn die polnischen Frauen wirklich so anders sind, denn in Breslau auf der Strasse sehen die auch aus wie in Berlin. Aber gestern waren sie wieder da: die Stilettoschuh-Mädchen mit Hut und die älteren Damen mit sehr blonden Haaren, Pseudopelzjacken und dünnen, dünnen Vogue-Zigaretten. Ein Klischee jagte das nächste. Einfach fantastisch, denn sonst gehen diese einmaligen Exemplare wahrscheinlich in der Symphonie der Großstadt unter, aber jetzt sah ich sie alle auf einem Fleck und war mir sicher: Stereo Cultura wird ein Erfolg!
P.S.1: Uff, die Wahl ging gut aus. Jaroslaw Kaczynski und die PiS haben einen Denkzettel erhalten.
P.S.2: Noch eine kleine, wenn auch abseitige Geschichte: der polnische Wähler ist ja auch mal hungrig und auf der Suche nach Nahrung, fand ich einen Conditor (mit c! und einfache Bäcker gibt es im Grunewald nicht, eben nur Feinbäcker; wenn man was richtiges essen will, muss man wahrscheinlich gleich ins Kadewe fahren…). Nachdem ich dort erfolgreich ein Kartoffelbrötchen erstanden hatte und die Konditoreifachverkäuferin sich bestimmt schon über die vielen Ausländer mit östlichem Akzent gewundert hat, ging ich einen neuentdeckten Schleichweg zurück zur Botschaft und (sportlich, sportlich) kam mir unser Bundesinnenminister Schäuble auf einem Liegerad (mit Bodyguards auf Damenrädern, bestimmt damit man schneller absitzen kann) entgegen.
Schön, daß Ihr jetzt auch mit einem Blog vertreten seid! Viel Spaß und Erfolg damit!